Es gibt Momente, in denen ein Thema so sehr im Vordergrund steht, dass der eigentliche Kern dahinter fast verblasst. Die Nachhaltigkeitsberichterstattung ist genau an diesem Punkt angekommen. Die regulatorischen Anforderungen wachsen, die Diskussionen drehen sich um Aufwand, Kosten und Komplexität – und kaum jemand spricht über den Nutzen.
Eine Studie der Bertelsmann Stiftung aus November 2025 zeigt auf, worum es bei der Berichterstattung eigentlich gehen sollte: organisatorische Veränderungen anstoßen und eine Datenerhebung aufbauen, die einen gezielten Nutzen und Mehrwert bietet. Leider bleiben die Vorteile, die das „Pflichtprodukt“ Nachhaltigkeitsbericht mit sich bringt, im Tagesgeschäft oft unsichtbar – sie entstehen nicht über Nacht. Dabei kann ESG-Reporting ein effizienter Hebel sein, wenn man ihn bewusst einsetzt. Unternehmen, die Berichterstattung lediglich als Abgabepflicht verstehen, werden nie erfahren, welches Potenzial in ihr steckt. Wer sie dagegen als strategische Aufgabe begreift, stößt Veränderungen an, die weit über das Nachhaltigkeitsteam hinausreichen.
Wichtige Transformationsprozesse, die Berichterstattung anstößt:
- Strategische Aufwertung und Priorisierung von Nachhaltigkeit
- Professionalisierung und Systematisierung von Prozessen & Datenmanagement
- Entwicklung effektiver Governance-Strukturen
- Stärkung der internen Zusammenarbeit und Abbau von Silos
- Etablierung von Stakeholder-Beteiligungsformaten
Dies erreicht aber nur, wer versteht: Reporting ist kein Endprodukt, sondern ein Veränderungsprozess. Dieser Prozess führt zu Effizienzgewinnen, einer verbesserten Steuerung, besseren Markt- und Kapitalzugängen oder einer höheren Arbeitgeberattraktivität. Natürlich müssen dafür auch bestimmte Voraussetzungen gegeben sein: ein gewisser Reifegrad der Organisation, Datenqualität und IT-Infrastruktur, entsprechende Ressourcen und Expertise, Standards, ein passendes Markt- und Kundenumfeld – und natürlich vor allem ein Commitment des Managements.
Die Studie stellt die Abhängigkeit der Wirkung vom Kontext in einer Wirkmechanik-Grafik dar: Von externen Impulsen über interne Prozesse hin zu Ergebnissen wie Effizienzsteigerungen, Risikotransparenz oder sogar Umsatzimpulsen. Genau diese Mechanik sehen wir regelmäßig in Unternehmen, die die ersten Reportingzyklen durchlaufen haben. Entscheidungen werden datenbasierter, Strategien klarer, Investitionen besser begründbar. In einzelnen Fällen öffnet sich sogar der Zugang zu Aufträgen oder Kapital – ein Effekt, den die Studie mit einem klaren Beispiel unterlegt: „Wir haben Millionenaufträge gewonnen, weil wir einen DNK-Bericht vorweisen konnten.“

(Quelle: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/W_More_than_Reporting.pdf, Seite 17)
In den qualitativen Interviews, die im Rahmen der Studie geführt wurden, wurden vor allem in folgenden Bereichen verbesserte Ergebnisse und direkte betriebswirtschaftliche Effekte deutlich:
Effizienzsteigerungen: Durch Aufdeckung von Energie- und Ressourceneffizienzpotenzialen, durch Konsolidierung von Datensilos, durch die Identifikation ineffizienter Maschinenläufe oder teurer Altverträge
Erweiterte strategische Steuerung: Durch das Reporting sind Unternehmen gezwungen, klare Ziele, KPIs und Verantwortlichkeiten festzulegen. Wesentlichkeit sorgt für Fokussierung auf wirkungsstarke Themen
Besseres Risikomanagement: Umwelt- und Sozialrisiken werden systematisch erfasst. Erweiterte Governance-Strukturen fördern die Krisenfähigkeit und -festigkeit
Zugang zu Kunden: Für viele Unternehmen wird Reporting zur „Eintrittskarte“ für Ausschreibungen
Zugang zu Kapital: Banken und Investoren fordern zunehmend ESG-Daten.
Arbeitgeberattraktivität: Interne Zusammenarbeit und Austausch steigen. Recruiting und Bindung profitieren von einer klaren Nachhaltigkeitspositionierung
Wie Unternehmen den Mehrwert heben können
Die Studie der Bertelsmann Stiftung leitet aus den Ergebnissen der durchgeführten qualitativen Interviews vier klare Handlungsempfehlungen ab:
Kosten und Nutzen systematisch bewerten: Welche der in der Studie beschriebenen Wirkungen sind im eigenen Unternehmen bereits sichtbar? Wo gibt es ungenutztes Potenzial?
Reporting als Management-Instrument begreifen: Nicht erst auf den letzten Metern vor der Abgabe aktiv werden, sondern Reporting frühzeitig in Governance, Strategie und Planung einbetten.
Digitale Werkzeuge und etablierte Leitfäden nutzen: Etwa den Deutschen Nachhaltigkeitskodex (DNK), um die Datenarbeit effizienter und konsistenter zu gestalten.
Daten aktiv weiterverwenden: Die im Reporting erhobenen Informationen sollten nicht in der Schublade verschwinden, sondern in Strategieentwicklung, Entscheidungsprozesse und Stakeholderkommunikation einfließen.
Unser Fazit
Nachhaltigkeitsberichterstattung bleibt auf absehbare Zeit ein anspruchsvolles Feld. Aber sie ist längst mehr als das, was in den Debatten oft überwiegt. Richtig genutzt, schafft sie Strukturen, die Unternehmen widerstandsfähiger, klarer und strategisch handlungsfähiger machen. Oder anders gesagt: Der Bericht selbst ist nur die Hülle. Der eigentliche Mehrwert entsteht auf dem Weg dorthin.
Interesse geweckt? Hier geht’s zur Studie: https://www.bertelsmann-stiftung.de/fileadmin/files/user_upload/W_More_than_Reporting.pdf