ESG als Frühwarnsystem: Warum Resilienz ohne Nachhaltigkeit nicht funktioniert

06.05.2026

Martina Altheim verantwortet seit 2020 das Nachhaltigkeitsmanagement der q.beyond AG und engagiert sich zugleich als Aufsichtsratsmitglied für die nachhaltige Unternehmensentwicklung. Das Unternehmen ist einer der führenden IT-Dienstleister und löst die technologischen Herausforderungen mittelständischer Unternehmen. Im Gespräch mit Steven Rohles von iron erklärt Martina Altheim, warum Resilienz und Nachhaltigkeit für sie zwei Seiten derselben Medaille sind, wie das von ihr entwickelte „Resilienzhaus“ als strategisches Steuerungsmodell funktioniert und warum der Digitale Produktpass weit mehr ist als eine regulatorische Pflichtübung. 

Steven Rohles: Frau Altheim, Sie sind seit fast 20 Jahren bei q.beyond, ehemals QSC. Wie sind Sie persönlich zum Thema Nachhaltigkeit gekommen – war das eine bewusste Entscheidung oder eher Zufall?

Martina Altheim: Nachhaltigkeit begleitet mich wie ein roter Faden durch meine gesamte berufliche Laufbahn. Schon während meines Biologiestudiums habe ich mich in der Öffentlichkeitsarbeit des Kölner Zoos für den Artenschutz engagiert. Nach einer Fortbildung im Umwelt- und Qualitätsmanagement habe ich dann als Trainee in einem Maschinenbauunternehmen ein Umweltmanagementsystem mit aufgebaut. Später war ich viele Jahre als Business-Prozessmanagerin beim „Grünen Punkt“ in der Kreislaufwirtschaft tätig.

Bei q.beyond haben mich meine Rollen im Business Process Management und Qualitätsmanagement dann dorthin geführt, wo Nachhaltigkeit heute ganz praktisch verankert wird: in Steuerung, Prozessen und Managementlogik – und schließlich in meine heutige Rolle. Ich sehe Nachhaltigkeit weniger als „Fach-Ecke“, sondern als eine managementrelevante Perspektive auf unternehmerische Zukunftsfähigkeit. 

Steven Rohles: q.beyond ist ein IT-Dienstleister. Das klingt im ersten Moment nach einem Geschäftsmodell, das weniger mit Nachhaltigkeit zu tun hat als andere Sektoren… 

Martina Altheim: Das höre ich tatsächlich öfter, aber das Gegenteil ist der Fall. Digitalisierung und Künstliche Intelligenz sind heute keine Kür mehr, sondern Pflicht für die Zukunftsfähigkeit von Unternehmen. Doch Digitalisierung bringt nicht nur Chancen, sondern auch Risiken: Cyberattacken nehmen zu, der Energieverbrauch der IT steigt rasant. Das wird zum Kostentreiber – und schlimmer noch: Es befeuert den Klimawandel.

Die entscheidende Frage ist also: Wie können Unternehmen digital wachsen, ohne unsere Zukunft aufs Spiel zu setzen? Die Antwort lautet: Sie brauchen nachhaltige IT-Lösungen. Nachhaltigkeit vereint dabei zwei zentrale Aspekte – digitale Souveränität, also die Sicherheit und Kontrolle über die eigenen Daten, und ökologische Resilienz, also eine IT, die energieeffizient ist und dem Klimawandel standhält. Erst die Verbindung beider Aspekte schafft echte Widerstandsfähigkeit. Für mich gilt deshalb: Resilienz ist gleichbedeutend mit Nachhaltigkeit.

Steven Rohles: Das klingt spannend. Können Sie uns näher erläutern, wie q.beyond diese beiden Aspekte ganz konkret umsetzt?

Martina Altheim: Wir begleiten Unternehmen auf zwei Wegen in die Cloud: Zum einen in die Public Clouds großer internationaler Anbieter. Zum anderen in unsere eigene, souveräne Private Cloud mit integrierten KI-Anwendungen, TÜV- und ISO-zertifiziert und betrieben in unseren eigenen Rechenzentren in Deutschland. Für alle, die unabhängig bleiben wollen, ist das gelebte Datensouveränität – inklusive Cyber-Security. 

Diese Rechenzentren sind zugleich klimafit aufgestellt. Als einer der ersten mittelständischen IT-Dienstleister in Deutschland haben wir uns dem EU-Kodex für energieeffiziente Rechenzentren angeschlossen und nahezu alle seiner rund 150 Empfehlungen umgesetzt — von energieeffizienter Hardware über Servervirtualisierung bis zur bedarfsgerechten Auslegung unserer IT-Services. Unseren größten Hebel nutzen wir bereits seit 2018: 100 % Ökostrom in allen Rechenzentren. Zudem rüsten wir unsere Infrastruktur gegen die Folgen des Klimawandels, etwa mit Rückkühlern, die Außentemperaturen von bis zu 45 Grad verkraften. Dass wir mit diesen Maßnahmen auf dem richtigen Weg sind, bestätigt die Auszeichnung mit dem Deutschen Nachhaltigkeitspreis 2026 in der Kategorie „IT-Dienstleister“.

Steven Rohles: Sie haben in der Vergangenheit ein eigenes Modell entwickelt, das Sie als „Resilienzhaus“ bezeichnen. Können Sie uns dazu mehr erzählen?

Martina Altheim: Das Resilienzhaus ist ein strategisches Denkmodell, das uns hilft, komplexe Zusammenhänge greifbar zu machen. Es beschreibt Resilienz nicht nur finanziell, sondern als Zusammenspiel aus wirtschaftlicher Stabilität, robusten Prozessen, engagierten Mitarbeitenden, einem anpassungsfähigen Portfolio und einem konsequenten Kundenfokus. Nachhaltigkeit beziehungsweise ESG ist dabei kein „Extra“, sondern Teil des Fundaments. 

Resilienz Haus
Resilienzhaus (q.beyond/Martina Altheim)

Steven Rohles: Im Resilienzhaus vereinen Sie finanzielle und nicht-finanzielle Aspekte unter einem Dach. Wie lief der strategische Prozess ab, diese Dimensionen so eng miteinander zu verzahnen und wie haben Sie es geschafft, Themen wie Klimaschutz als gleichberechtigte Säule neben den finanziellen Aspekten zu verankern?

Martina Altheim: Indem wir die Dimensionen konsequent miteinander verknüpft haben, und zwar nicht als „weiche Faktoren“, sondern als das, was sie sind: echte Voraussetzungen für langfristige Leistungsfähigkeit. Wir haben uns gefragt, was unser Geschäftsmodell dauerhaft tragfähig macht. So wurden Mitarbeiter- und Kundenzufriedenheit, Innovationsfähigkeit und Anpassungsfähigkeit zu klaren Steuerungsgrößen und damit automatisch Teil ganz normaler Managemententscheidungen.

Steven Rohles: Also haben Sie den Code geknackt, auf den so viele ESG-Manager:innen hinarbeiten, die Geschäftsführung von der Bedeutung von ESG zu überzeugen?

Martina Altheim: Ich glaube weniger an den einen „Code“ und mehr an gute Übersetzungsarbeit. ESG überzeugt dann, wenn es ganz konkrete Managementfragen beantwortet: Wie bleiben wir wettbewerbsfähig? Wo entstehen Risiken und vor allem auch Chancen? Wie sichern wir unsere Zukunftsfähigkeit? Sobald ESG so verstanden wird, ist es kein Sonderthema mehr, sondern Teil guter Unternehmensführung.

Bei q.beyond haben wir das erkannt. Das Resilienzhaus dient uns seit einigen Jahren auch als Grundlage für kurz- und langfristige ESG-Ziele im Vorstandsvergütungssystem und verankert Nachhaltigkeit so noch stärker in unserer Strategie. Bemessen wird das anhand von Kennzahlen entlang unserer wesentlichen Nachhaltigkeitsaspekte.

Steven Rohles: Was sagen Sie Vorständen oder Geschäftsführer:innen, die Resilienz vor allem als Finanzthema verstehen und ESG-Aspekte als „nice to have“ abtun?

Martina Altheim: Finanzielle Resilienz ist natürlich wichtig – aber sie entsteht selten nur über Zahlen. Am Ende ist sie das Ergebnis robuster Prozesse: klimaresilient und energieeffizient, sicher in Informationen und Daten, stabil in Compliance und Beschaffung. Dazu kommen qualifizierte und motivierte Mitarbeitende, Innovationsfähigkeit, ein anpassungsfähiges Portfolio und ein konsequenter Kundenfokus.

Ganz praktisch heißt das: Wer heute keine Antworten auf steigende Energiepreise, Lieferkettenrisiken oder den Fachkräftemangel hat, spürt das morgen in Kosten, Lieferfähigkeit und Wachstum. ESG hilft, genau diese Themen frühzeitig und systematisch zu adressieren. Für mich ist ESG deshalb weniger ein „Add-on“, sondern ein Frühwarn- und Steuerungssystem für unternehmerische Resilienz und damit etwas, das sich später sehr konkret auch in der Bilanz widerspiegelt.

Martina Altheim 

„Wer heute keine Antworten auf steigende Energiepreise, Lieferkettenrisiken oder den Fachkräftemangel hat, spürt das morgen in Kosten, Lieferfähigkeit und Wachstum.“ 

Steven Rohles: Im Bereich „Anpassungsfähigkeit“ Ihres Resilienzhauses findet sich die Forderung, dass das Produktportfolio auf Entwicklungen von Wirtschaft, Ökologie und Gesellschaft schnell reagieren muss. Hier kommt der „Digitale Produktpass“ ins Spiel. Was genau verbirgt sich dahinter, und warum ist das für Ihr Unternehmen so relevant?

Martina Altheim: Der Digitale Produktpass (DPP) steht exemplarisch für einen grundlegenden Wandel, den die Ökodesign Verordnung der EU vorantreibt: weg von linearen Wirtschaftsmodellen, in denen Produkte am Ende ihrer Lebensdauer zu Abfall werden, hin zu einer echten Kreislaufwirtschaft. Produkte werden reparierbar und damit möglichst lang genutzt, Rohstoffe bleiben im System und werden wiederverwendbar. Über den ganzen Lebenszyklus hinweg soll das transparent und nachverfolgbar gestaltet werden. Die EU verfolgt damit das Ziel, nachhaltige Produkte zum Standard zu machen und Rohstoffe dauerhaft im Wirtschaftskreislauf zu halten.

Damit geht es um weit mehr als Regulierung. Denn die Rohstoffverfügbarkeit entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Machtfaktor. Der Digitale Produktpass schafft als digitale Erweiterung eines physischen Produkts Transparenz über Materialien, Herkunft, CO₂‑Fußabdruck und Zirkularität. Damit wird er zu einem zentralen Instrument für Anpassungsfähigkeit, Wettbewerbsfähigkeit und resiliente Geschäftsmodelle. Für die Umsetzung benötigen Unternehmen IT-Lösungen und entsprechendes IT‑Know-how,  beispielsweise zur Datenorchestrierung — und genau darin liegen unsere Stärken:  Mit unserem Portfolio können wir unsere Kunden gezielt und bedarfsgerecht bei der Umsetzung begleiten.

Steven Rohles: Wie unterstützt q.beyond Unternehmen konkret bei der Einführung eines Digitalen Produktpasses – und was hat das mit ESG-Daten zu tun?

Martina Altheim: Die EU hat mit der Ecodesign for Sustainable Products Regulation (ESPR) bereits einen klaren Rahmen gesetzt, die konkreten Anforderungen kommen aber schrittweise über dedizierte Rechtsakte und müssen dann zeitnah umgesetzt werden. Wir unterstützen unsere Kunden dabei, sich bestmöglich darauf vorzubereiten: mit einem belastbaren Datenfundament, klaren Prozessen und einer skalierbaren Architektur.

Dank unserer verschiedenen Servicesegmente decken wir die gesamte Wertschöpfungskette ab: von der Datenstrategie über die Integration von ERP-, PLM- und Lieferkettensystemen bis zur revisionsfesten Bereitstellung und dem Hosting in souveränen deutschen Rechenzentren. So wird der Digitale Produktpass zur dauerhaft betreibbaren Plattformlösung statt zum Einmalprojekt.

Der Bezug zu ESG-Daten ist eng: Viele Informationen zu Materialien, Herkunft, CO₂-Fußabdruck oder Kreislauffähigkeit werden erstmals konsequent produktbezogen erfasst. Unsere Kunden erfüllen damit nicht nur regulatorische Anforderungen, sondern gewinnen belastbare Daten für Steuerung, Reporting und zirkuläre Geschäftsmodelle.

Steven Rohles: Wie sehen Sie den Digitalen Produktpass im Zusammenspiel mit anderen EU-Regulatoriken mit ESG-Bezug?

Martina Altheim: Bereits heute unterstützen wir unsere Kunden bei der digitalen Umsetzung anderer ESG-bezogener Produktregulatoriken wie etwa der „Packaging and Packaging Waste Regulation“ – kurz PPWR. Wichtig ist, diese Lösungen nicht als Insellösungen zu betrachten, sondern ganzheitlich und mit Blick auf den Digitalen Produktpass zu denken. Denn diese Datenmodelle sind bereits ein ausbaubares Fundament in Richtung DPP. Der Digitale Produktpass wird perspektivisch zum Umsetzungsmechanismus von Produktregulatoriken. 

Eine Standardlösung gibt es aus unserer Sicht dabei nicht, denn die Anforderungen können je nach Branche, Sortiment, relevanter Regulatorik und Systemlandschaft stark variieren.

Steven Rohles: Wenn Sie einem mittelständischen Unternehmen, das gerade zwischen Regulierungsfrust und Nachhaltigkeitsambition feststeckt, einen einzigen Rat geben könnten – welcher wäre das? 

Martina Altheim: Nachhaltigkeit nicht als reine Compliance-Aufgabe verstehen, sondern als Hebel für bessere Entscheidungen. Wer Prozesse, Daten und Verantwortlichkeiten sauber aufsetzt, löst viele regulatorische Anforderungen automatisch mit. Entscheidend ist nicht Perfektion, sondern der Fokus auf das, was das eigene Geschäftsmodell wirklich resilient und damit zukunftsfähig macht. 

Wichtig ist außerdem, Nachhaltigkeit nicht als reines EU-Thema zu betrachten. Transparenz und Nachhaltigkeit gewinnen weltweit an Bedeutung zum Beispiel durch Nachhaltigkeits-Reporting in China und digitale Produkt- und Lieferkettenanforderungen in anderen Wirtschaftsräumen. Gerade für international tätige Unternehmen ist die Digitalisierung von ESG-Daten deshalb ein zentraler Erfolgsfaktor. Sie schafft Vergleichbarkeit, Skalierbarkeit und Entscheidungsgrundlagen über Ländergrenzen hinweg. Wer Nachhaltigkeit heute datenbasiert und integriert aufsetzt, reduziert nicht nur den Regulierungsfrust, sondern stärkt die eigene Zukunftsfähigkeit. 

Steven Rohles: Frau Altheim, ich danke Ihnen vielmals für das Gespräch.

Martina Altheim 

Martina Altheim ist Leiterin Corporate Social Responsibility der q.beyond AG und Aufsichtsratsmitglied des IT-Dienstleisters. Sie studierte Biologie und absolvierte eine Fortbildung im Umwelt- und Qualitätsmanagement. Erste berufliche Stationen führten sie in die Öffentlichkeitsarbeit des Kölner Zoos sowie in den Aufbau eines Umweltmanagementsystems in der Maschinenbauindustrie. Anschließend war sie viele Jahre als Business-Prozessmanagerin beim „Grünen Punkt“ in der Kreislaufwirtschaft tätig. Seit fast zwei Jahrzehnten ist sie bei q.beyond (ehemals QSC) in verantwortlichen Rollen im Business Process Management und Qualitätsmanagement tätig; seit 2020 verantwortet sie das Nachhaltigkeitsmanagement des Konzerns. Darüber hinaus engagiert sie sich im Aufsichtsrat des Unternehmens für eine nachhaltige Unternehmensentwicklung. 

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