ESG jenseits der Berichtspflicht: Warum Nachhaltigkeit auch ohne CSRD relevant bleibt

12.08.2025

Europas Rückzug täuscht: Während die EU ihre ESG-Berichtspflichten lockert, steigt der globale Nachhaltigkeitsdruck. Trickle-Down-Effekte, internationale Standards und steigende Stakeholderanforderungen zwingen früher oder später auch nicht-berichtspflichtige Unternehmen zum Handeln. Wer jetzt auf Nachhaltigkeit setzt, sichert sich Wettbewerbsvorteile. Wer wartet, läuft Gefahr, langfristig abgehängt zu werden und den Marktzugang zu verlieren.

Infolge des Omnibus-Vorschlags der EU-Kommission wird derzeit mit Hochdruck an der Vereinfachung der European Sustainability Reporting Standards (ESRS) gearbeitet. Unklar bleibt jedoch, ob der Schwellenwert für die Anzahl der Mitarbeitenden zur Anwendungspflicht der Corporate Sustainability Reporting Directive (CSRD) von 250 auf 500, 1.000 oder gar 3.000 angehoben werden soll. Gleichzeitig steht eine Anhebung des Umsatzschwellenwerts von 50 Millionen Euro auf 450 Millionen Euro im Raum. Viele Unternehmen, die damit höchstwahrscheinlich nicht mehr der CSRD-Berichtspflicht unterliegen werden, fragen sich, warum sie sich dann noch mit ESG beschäftigen sollten. Dabei liegt die Antwort auf der Hand: ESG-Risiken existieren weiterhin, auch ohne Regulierung. Gleichzeitig fordern zahlreiche Stakeholder wie Kunden, Bewerber:innen und Mitarbeiter:innen oder der Finanzmarkt ESG-Informationen ein. Wer sich mit diesen Herausforderungen auseinandersetzt, sie managt und Risiken minimiert, profitiert von handfesten wirtschaftlichen Vorteilen und sichert langfristig das Überleben seines Unternehmens. Und nicht zuletzt: Immer mehr Länder außerhalb Europas verpflichten Unternehmen dazu, über Nachhaltigkeit zu berichten.

Entgegen der scheinbaren ESG-Müdigkeit ist die Regulierung weltweit auf dem Vormarsch

Während Europa beim ESG-Reporting einen Gang zurückschaltet, gewinnen die International Financial Reporting Standards (IFRS) S1 und S2 des International Sustainability Standards Board (ISSB) weltweit an Bedeutung. Mit Mexiko und Japan kommen 2025 zwei weitere Länder hinzu, die die IFRS S1 und S2 als Teil ihrer nationalen Umsetzung zur verpflichtenden Nachhaltigkeitsberichterstattung übernehmen. Damit decken die Länder, die auf eine Übernahme dieser Standards hinarbeiten oder diese bereits umgesetzt haben, mehr als 60 % des globalen BIP ab. Der internationale Ansatz folgt dabei dem Prinzip „Climate First“, beschränkt sich jedoch längst nicht nur auf Klimathemen. Grundsätzlich gilt: ESG wird international zum Must-have.
Wie der neueste Global Risk Report 2025 des WEF zeigt, ist dies längst überfällig. Demnach zählen Umweltrisiken weiterhin zu den größten Bedrohungen in den kommenden zehn Jahren – noch vor Risiken im Zusammenhang mit Falsch- und Desinformation, künstlicher Intelligenz sowie Cyberspionage und -krieg.

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Für die 900 befragten Entscheidungsträger:innen aus Politik, Wirtschaft und Wissenschaft weltweit ist die Botschaft klar: Unternehmen, die ESG ignorieren, steuern blind in ein hochdynamisches Risiko-Cluster. Doch wie ist mit diesen Risiken umzugehen, damit europäische Unternehmen nicht wieder wichtige wirtschaftliche Entwicklungen verpassen? Zunächst gilt es, mithilfe von Daten Transparenz zu schaffen, um zu verstehen, wie sich Risiken minimieren lassen.

Verschiedene Stakeholder fordern mehr Transparenz

Unabhängig von der eigenen Berichtspflicht sehen sich Unternehmen mit ESG-Anforderungen verschiedener Stakeholder konfrontiert. Zunächst ist hier der sogenannte „Trickle-Down-Effekt“ zu nennen. Große, CSRD-berichtspflichtige Unternehmen fordern von ihren Zulieferern detaillierte ESG-Daten, die sie für das Reporting zu ihrer eigenen Lieferkette benötigen. Gleichzeitig fordern Unternehmen von ihren Kunden immer häufiger eine bestimmte ESG-Performance ein und knüpfen die Vergabe von Aufträgen an das Abschneiden bei ESG-Ratings. Da diese Bewertungen jährlich erfolgen und die Anforderungen bei Ratings wie EcoVadis von Jahr zu Jahr steigen, entsteht ein permanenter Verbesserungsdruck. Schließlich möchte kein Kunde einen Zulieferer mit EcoVadis-Bronze beauftragen, wenn Konkurrenten Silber oder Gold vorweisen können.

Regulierungen wie die SFDR im Finanzsektor sind nicht direkt von den Erleichterungsvorschlägen des EU-Omnibus betroffen. Das heißt, auch weiterhin werden ESG-Daten von Unternehmen benötigt, um Nachhaltigkeitsrisiken in den Investmentprozess zu integrieren. Hinsichtlich des Managements physischer Klimarisiken hat die Europäische Zentralbank zudem kürzlich noch einmal klargemacht, wie wichtig verlässliche Klimadaten für die Risikobewertung von Finanzierungen sind. Unternehmen mit überzeugenden Nachhaltigkeitsstrategien profitieren außerdem vom Zugang zu speziellen Finanzierungsinstrumenten wie Green Bonds, was sich wiederum positiv auf ihre Reputation auswirken kann.

Schließlich profitieren nachhaltig agierende Unternehmen auch bei der Talentgewinnung. Kürzere Einstellungsverfahren, qualifiziertere Bewerber:innen und eine höhere Loyalität senken die Kosten und steigern die Produktivität. Besonders jüngere Generationen bevorzugen Arbeitgeber, die gesellschaftliche Verantwortung übernehmen und dies transparent kommunizieren. Unternehmen, die ihre Nachhaltigkeitsstrategie datenbasiert belegen können, positionieren sich erfolgreich als „Employer of Choice“ und stärken nachhaltig ihre Mitarbeiterbindung.

Praktische Vorteile eines ESG-Managements

All das klingt nach sehr viel Aufwand, insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen, deren Ressourcen für die Bearbeitung von Nachhaltigkeitsthemen stark begrenzt sind. Doch es lohnt sich, hier ein gewisses Maß an Zeit und Ressourcen zu investieren, zumal der anfänglich höhere Aufwand zur Etablierung eines ESG-Managements in den Folgejahren deutlich abnimmt.

Eine datenbasierte und durchdachte ESG-Strategie führt zu operativen Verbesserungen: Maßnahmen zur Einsparung von Energie und anderen Ressourcen senken Kosten, nachhaltige Lieferketten mindern Beschaffungsrisiken und bessere Arbeitsbedingungen verringern die Mitarbeiterfluktuation.

In vielen Branchen werden ESG-Kriterien zunehmend zum Differenzierungsmerkmal. Unternehmen, die nachhaltig agieren, heben sich von ihren Wettbewerbern ab und erschließen neue Kundengruppen. Insbesondere in B2B-Beziehungen wird Nachhaltigkeit zum Auswahlkriterium bei Ausschreibungen.

Angesichts der wachsenden Bedeutung von Umwelt- und Nachhaltigkeitsrisiken ist ein strategisch verankertes ESG-Management längst kein „Nice-to-have“ mehr, sondern eine zwingende Voraussetzung für zukunftsfähiges Wirtschaften. Organisationen, die ESG-Aspekte ignorieren, agieren in einem immer dynamischeren und schwer kalkulierbaren Risikoumfeld. Ein strategisch verankertes ESG-Management bildet somit die Grundlage für ein wirksames Risikomanagement. Es schafft Transparenz über potenzielle Umwelt- und Nachhaltigkeitsrisiken, ermöglicht fundierte Entscheidungen und stärkt die Widerstandsfähigkeit gegenüber externen Einflüssen.

ESG einfach machen – pragmatischer Einstieg für nicht berichtspflichtige Unternehmen

Unsere Empfehlung lautet: „Think big, start small!“ Unternehmen, die mit ESG starten möchten, aber gleichzeitig mit ihren Ressourcen haushalten müssen, empfehlen wir:

  • Organisatorische Grundlagen schaffen: Definieren Sie Prozesse zur Integration von ESG in Ihrer Organisation und benennen Sie verantwortliche Personen.
  • Fokus statt Rundumschlag: Anstatt verschiedene ESG-Themen gleichzeitig anzugehen, sollten sich Unternehmen zunächst systematisch einen Überblick verschaffen: Welche Nachhaltigkeitsthemen sind tatsächlich relevant und welche Anforderungen haben interne sowie externe Stakeholder? Eine Wesentlichkeitsanalyse kann hierbei hilfreich sein.
  • Machen Sie ESG messbar und handeln Sie zielgerichtet: Definieren Sie präzise Ziele für Ihre wesentlichen ESG-Themen und entwickeln Sie zielgerichtete Maßnahmen. Etablieren Sie aussagekräftige Leistungsindikatoren (KPIs), mit denen Sie Ihre Fortschritte kontinuierlich messen können. Unverzichtbare Grundlage hierfür ist die Implementierung robuster Datenerhebungsprozesse, die in allen Unternehmensbereichen konsequent angewendet werden.

Die freiwillige Datenerhebung, beispielsweise im Rahmen des VSME-Standards, erfüllt die wichtigsten Anforderungen von weiterhin CSRD-berichtspflichtigen Kunden und bereitet auf mögliche künftige ESRS-Pflichten vor. Der Fokus sollte dabei auf der strategischen Nutzung der Daten liegen, um einerseits Transformationsprozesse im Unternehmen anzustoßen und andererseits eine schlanke, stakeholderorientierte Nachhaltigkeitskommunikation zu etablieren.

Steven Rohles

„ESG ist keine Raketenwissenschaft – es braucht nur den richtigen Ansatz. Während andere noch über Regulierung diskutieren, sollten Sie bereits dabei sein, Ihr Unternehmen fit für die Zukunft zu machen.“

Steven Rohles, Berater für Nachhaltigkeitskommunikation & ESG

Fazit: ESG ist kein Luxus, sondern eine Überlebensstrategie

Die Entwicklung einer ESG-Strategie sowie der Aufbau der Datenerhebung werden Ihr Unternehmen ohne Zweifel Zeit und Ressourcen kosten. Die Frage ist jedoch nicht mehr, ob Sie sich ESG leisten können, sondern, ob Sie es sich leisten können, darauf zu verzichten. In einer Welt, in der Nachhaltigkeit zum Standardthema in allen Geschäftsbeziehungen wird, entscheiden Ihre ESG-Aktivitäten über die Sicherung von Marktanteilen, Personalgewinnung und -bindung sowie das wirksame Management von Umwelt- und Klimarisiken – und somit letztlich über den Fortbestand Ihres Unternehmens.

Wer jetzt handelt, hat die Nase vorn. Wer wartet, zahlt später drauf und riskiert die Zukunft seines Unternehmens.

Steven Rohles
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Steven Rohles

Steven Rohles

Berater für Nachhaltigkeitskommunikation & ESG

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