Von Kapitalmarktkonferenzen über den Klimakongress des BDI bis zur BAUM-Tagung – 2025 hat das ESG-Team von iron zahlreiche Veranstaltungen besucht. Wir wollten verstehen, wie verschiedene Zielgruppen auf Nachhaltigkeit und ESG blicken, welche Sorgen und Hoffnungen sie bewegen. Diese Reise durch das Jahr hat uns gezeigt: Die Perspektiven auf ESG könnten kaum unterschiedlicher sein. Und doch vereint alle ein Ziel: unsere Wirtschaft fit für die Zukunft zu machen.
Kapitalmarktkonferenzen: ESG verschwindet von der Agenda
Die Münchener Kapitalmarktkonferenz mkk und die Hamburger Investorentage HIT gehören für uns seit Jahren zu den festen Terminen im Kalender. Denn wir arbeiten stetig daran, dass die Bereiche Investor Relations und ESG immer stärker zusammenwachsen. Die Realität auf den diesjährigen Konferenzen zeigte jedoch ein ernüchterndes Bild: Dort, wo vor 18 Monaten noch nahezu jede:r CEO oder CFO mindestens ein paar Folien zum Thema Nachhaltigkeit präsentierte, herrschte in diesem Jahr gähnende Leere.
Nur wenige Unternehmen – meist solche, deren Geschäftsmodell durch Erneuerbare Energien bereits ein klares Nachhaltigkeitsversprechen mitbringt – hatten das Thema weiterhin auf der Agenda. Stattdessen dominierten Folien, die Investoren zeigen sollten, wie der Vorstand das Unternehmen trotz schwieriger wirtschaftlicher Rahmenbedingungen auf Kurs halten will.
Hier zeigt sich ein mittlerweile häufig beobachtetes Problem: ESG ist zu einer Compliance-Pflichtaufgabe verkommen und wird nicht mehr als Teil der Lösung verstanden. Dabei kann Nachhaltigkeit – als Chance für Innovation von Produkten oder gar des gesamten Geschäftsmodells begriffen – einen enormen Beitrag zur Resilienz von Unternehmen leisten, gerade in den heutigen turbulenten Zeiten.
BDI-Klimakongress: Die Industrie zwischen Existenzangst und Transformation
Der Klimakongress des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) im Oktober bot einen eindrücklichen Blick in die Sorgen und Nöte der deutschen Industrie. Die zentrale Botschaft an die Politik: Dringlichkeit erkennen und endlich klare Rahmenbedingungen schaffen! Der Markt fordert verlässliche Strukturen und gezielte Finanzierung, aber keine überregulierten und kleinteiligen Vorgaben.
BDI-Präsident Peter Leibinger brachte es auf den Punkt: Die deutsche Industrie stehe am Rande einer existenziellen Krise. Seine Forderung: Leadership aus Berlin und Brüssel, Technologieoffenheit statt ideologischer Grabenkämpfe. „Die, die selbst produzieren, innovieren am besten“, betonte Leibinger und kritisierte die kleinteiligen EU-Vorgaben bei der Nachhaltigkeitsregulierung.
Besonders bemerkenswert war die Diskussion um Zukunftstechnologien wie Kernfusion und Flugwindenergie, bei denen Europa (noch) einen strategischen Vorsprung hat – den es jedoch zu verspielen droht, wenn nicht bald gezielte Investitionen fließen. China zeigt mit seinem 10-Jahresplan, wie Technologieförderung funktionieren kann. Auch bei erneuerbaren Energien und grüner Technologie müsse sich Europa davon verabschieden, weltweit Vorreiter zu sein. Das Reich der Mitte legt ein Tempo vor, mit dem der Alte Kontinent nicht mithalten kann. Die Transformation ist längst zu einem Wettlauf geworden – und es geht um nicht weniger als die künftige Wettbewerbsfähigkeit Europas.
BAUM-Tagung: Optimismus trotz Gegenwind
Einen erfrischend anderen Ton schlug die BAUM-Tagung in Dortmund an, bei der wir im November zu Gast waren. Das Motto „Welche Wirtschaft wollen wir?“ wurde vor beeindruckender Kulisse im Signal-Iduna-Park diskutiert. Trotz der weiterhin unsicheren regulatorischen Lage und des politischen Gegenwinds war die Stimmung von Optimismus geprägt. Der Tenor: Was gerade jetzt zählt, sind positive Zukunftsbilder, die dabei helfen können, Nachhaltigkeit als Chance zur Transformation zu begreifen.
Drei zentrale Erkenntnisse haben wir mitgenommen: Erstens braucht ESG mehr Streitkultur. Im Panel „Let’s talk tacheles“ wurde genau das gemacht: gestritten. Denn Nachhaltigkeit braucht konstruktive Auseinandersetzung statt ideologischer Grabenkämpfe, gerade im unternehmerischen Alltag. Zweitens hat Nachhaltigkeit ein Übersetzungsproblem. Oft sprechen ESG-Expert:innen und Unternehmen aneinander vorbei. ESG muss die Realwirtschaft besser abholen und sich auf greifbare Themen fokussieren: Kreislaufwirtschaft, Ressourcenknappheit, konkrete Effizienzsteigerungen. Drittens: ESG-Berater:innen müssen Unternehmen bei der Transformation helfen – und nicht nur einen Bericht ins Schaufenster stellen.

DRSC-Forum: Zwischen Detailverliebtheit und Praxisferne
Ebenfalls im November durften wir an zwei spannenden Tagen am Hamburger Forum der Nachhaltigkeitsberichterstattung 2025 des DRSC teilnehmen. Mit Vertreter:innen aus Wirtschaft, Politik, Finanzinstituten und NGOs diskutierten wir über die neuesten Entwicklungen zum Thema CO2-Berichterstattung, CSRD und VSME.
Über Umfang und Schwellenwerte für die Berichterstattung wurde durchaus kontrovers diskutiert. In einem zentralen Punkt herrschte jedoch Einigkeit: Wenn die EU nicht noch mehr Glaubwürdigkeit verspielen möchte, muss „endlich Ruhe im Karton sein“. Die fortlaufende Ungewissheit, mit der die EU die Unternehmen in den Mitgliedstaaten alleine lässt, führt vor allem zu Frustration und Resignation bei vielen Betroffenen.
Tanja Castor, Head of Sustainability Disclosures bei der BASF SE, brachte in der Panel-Diskussion zu den Anpassungen an CSRD und ESRS einen weiteren wichtigen Punkt zur Sprache: Es wird Zeit, dass Unternehmen – unabhängig von den Entwicklungen in Brüssel – das Thema Nachhaltigkeit aus der Bürokratie-Ecke herausholen, in die die EU es in den letzten Jahren gedrängt hat. Nachhaltigkeit muss wieder in die Unternehmensstrategie zurück, wobei der Fokus klar auf dem strategischen Nutzen liegen muss.
Die deutliche Zustimmung der Teilnehmer:innen im Saal zeigte: Frau Castor hat einen Nerv getroffen, der viele ESG-Verantwortliche bewegt. Diese Stimmung setzte sich auch bei der Abendveranstaltung fort. Der Wunsch, wieder wirklich etwas zu bewegen, statt sich über die Zusatzbelastung durch überbordende Berichterstattung zu beklagen, ist spürbar.
Fazit: Innovation durch mehr Freiheit
Was bleibt von dieser Reise durch das ESG-Jahr 2025? Eine zentrale Erkenntnis, die Professor Dr. Jochen R. Pampel von der Universität Potsdam auf der BAUM-Tagung formulierte: „Die Technologie, die uns ins All gebracht hat, war nicht regulatorisch geplant, sondern ist durch Freiheit für Innovation entstanden. Genauso sollten wir Unternehmen heutzutage auch eine gewisse Freiheit lassen, Innovation für Nachhaltigkeit zu entwickeln.“
Dieser Gedanke bringt auf den Punkt, was wir bei unserer Veranstaltungsreise gelernt haben: ESG funktioniert nicht als One-Size-Fits-All-Lösung. Die Perspektiven sind zu unterschiedlich, die Herausforderungen zu vielfältig. Was es braucht, ist weniger Detailverliebtheit in der Regulierung und mehr Raum für unternehmerische Lösungen. Denn Innovation kann ein begeisterndes Element für Menschen sein, Neues zu schaffen – gerade auch für eine nachhaltigere Zukunft.